Der Sinn der Midlife Crisis

10. April 2007 von Siegfried Trebuch

Fühlen Sie sich orientierungslos, würden Sie am liebsten alles hinwerfen und etwas komplett Neues anfangen? Sind Sie es leid, sich mit denselben alten Problemen herumzuschlagen, ganz gleich, ob es sich dabei um Ihre Gesundheit, Beziehungen, Arbeit oder Finanzen handelt und wollen Sie endlich frei sein? Sind Sie mir Ihrem Lebensstil unzufrieden oder langweilen Sie die Tätigkeiten und Menschen, die bislang Ihr Leben ausgefüllt haben? Wenn Sie die meisten dieser Fragen mit Ja beantwortet haben, haben Sie die Lebensmitte erreicht.

Viele in meinem Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich gerade in dieser Phase. Sie durchlaufen tiefgreifende Veränderungen in den Bereichen Beziehung und Beruf. Dabei fällt mir auf, dass die Auslöser dafür weniger die äußeren Umstände sind, als viel mehr Veränderungen in der individuellen Persönlichkeit. Dabei beobachte ich sehr häufig folgendes Muster: Das Leben verläuft bis zur Lebensmitte bei den meisten Menschen nach sehr klaren Vorgaben. Sie sind mit Ausbildung, Karriere und Familie so beschäftigt, dass weder Zeit noch Energie für die Beschäftigung mit Sinnfragen bleibt. Die unmittelbar anstehenden Verpflichtungen lassen einen Blick über den Tellerrand nicht zu. In der Jugend überschlagen sich die Gefühle. Man kommt mit der Welt nicht klar, und mit sich selbst erst recht nicht. Hat man sich einigermaßen im Griff, dann soll man entscheiden, welchen beruflichen Weg man einschlagen wird. Man absolviert eine Berufsausbildung oder geht an die Uni. Hat man das Diplom in der Hand, steht der „Ernst des Lebens“ vor der Tür und es wird Zeit sich der Realität des Arbeitsmarktes zu stellen. Hat man sich dann endlich auf eine berufliche Richtung eingeschossen und seine ersten Euros erspart, läuft einem plötzlich der Traumpartner über den Weg, und ehe man sich versieht, ist man verheiratet und hat Kinder. In der Regel ist man jetzt als Mann gefordert, Karriere zu machen um die Bedürfnisse der Familie zu decken und die Schulden für Haus oder Wohnung zu bezahlen bzw. hat man als Frau alle Hände damit voll Windeln zu wechseln, den Haushalt zu besorgen und häufig auch noch dem Halbtagsjob nachzugehen. Ist man in diesem Hamsterrad lange genug gelaufen und hat man sich wieder einigermaßen freigestrampelt, weil die Kinder langsam erwachsen werden und ihre eigenen Wege gehen, werden auf einmal wieder Ressourcen frei, um zu erkennen, dass das halbe Leben eigentlich ja schon gelaufen ist. Plötzlich steht man wieder selbst mehr im Mittelpunkt und nicht so sehr die Kinder, der Beruf oder der Partner. Man hat wieder Zeit übers Leben nachzudenken und was man noch von ihm erwartet.

Man befindet sich in der Lebensmitte, scheint persönlich gefestigt, führt eine stabile Partnerschaft oder ein abwechslungsreiches Singleleben, ist finanziell einigermaßen abgesichert, hat sich beruflich stabilisiert, da taucht wie aus dem Nichts die Frage auf: „Was will ich in meinem Leben eigentlich noch erreichen?“. Das bisher Angestrebte erscheint nicht mehr so groß und wichtig wie noch vor ein paar Jahren. Man hat vieles erreicht und gelernt, aber was jetzt? Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wird einem plötzlich klar, dass man ja schon die Hälfte hinter sich hat. Man kommt drauf, dass das Leben ja gar nicht so lange dauert, wie man bisher immer annahm. Als Kind verging die Zeit so unendlich langsam. Häufig war man von Langeweile geplagt. Doch jetzt zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern und man kann gar nichts dagegen tun. In dieser Situation musste ich an einen Ausspruch eines alten amerikanischen Freundes denken, der immer sagte: „Das Leben ist wie eine Klopapierrolle. Am Anfang dreht sie sich langsam, aber je weniger drauf ist, desto schneller dreht sie sich und schwupp – ist sie aus.“

AmpelnEs ist Zeit Bilanz über die erste Lebenshälfte zu ziehen. Vieles wurde erreicht, Sie stehen eigentlich ganz gut da. Sie erfüllen die beruflichen Erwartungen zur Zufriedenheit Ihres Arbeitgebers. Sie sind für andere da und werden gebraucht. Sie funktionieren, sind ein gut geschmiertes Rad im Getriebe der Gesellschaft. Sie können sich eigentlich nicht beklagen, trotzdem ist da diese Leere, die Sie sich schwer erklären können. Vielleicht stellen sie erschrocken fest, dass Sie bisher noch gar nicht gelebt haben, sondern gelebt wurden. Sie haben gelernt, Verantwortung im Beruf als Partner und als Vater oder Mutter zu übernehmen, aber die wichtigste aller Verantwortungen haben Sie bisher nicht wahr genommen, nämlich die volle Verantwortung für sich selbst. Ihr bisheriges Leben wurde von äußeren Umständen bestimmt. Sie haben immer reagiert. Jetzt sind Sie an einem Punkt angelangt, wo Sie sich freigespielt haben. Jetzt stellt sich die Frage, was tun mit dem Freiraum? Sie sind aufgerufen zu agieren. Wenn nicht schon früher durch Krankheit, Unfall oder Beziehungskrisen, so stoßen die meisten Menschen spätestens jetzt auf die grundlegenden Fragen des Lebens.

Dieser Zustand wird so trefflich als Midlife Crisis bezeichnet. Diese Krise birgt einerseits Gefahren, andererseits ist sie eine riesige Chance. Sie ebnet Ihnen den Weg zu einem gigantischen Entwicklungsschritt. Bisher haben Sie nur reagiert. Zuerst waren Sie mit einem Gefühlschaos konfrontiert, dass Sie entwirren mussten, dann mussten Sie grundlegende Existenzfragen wie Beruf und Geld klären, dann ging es um Partnerschaft und Familie. Das sind sozusagen Standardanforderungen, die jeder Mensch irgendwann bewältigen muss. Beim Eiskunstlauf würde man die erste Lebenshälfte als die „Pflicht“ bezeichnen. Jetzt kommt die „Kür“. Dieser Übergang wird durch die Midlife Crisis markiert. Jetzt müssen Sie sich was einfallen lassen. Mit reagieren kommen Sie nicht weiter. Jetzt heißt es agieren. Jetzt ist die Gelegenheit, ausgetretene Pfade zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Was diese Übergangsphase so schwierig macht, ist die Tatsache, dass Ihnen keiner mehr helfen kann. Sie sind ganz auf sich gestellt. Niemand kann Ihnen die anstehende Richtungsentscheidung abnehmen.

Der Sinn der Midlife Crisis liegt darin, Sie dazu zu bringen, die volle Verantwortung für Ihr Leben zu übernehmen.

Sie haben in Ihrer ersten Lebenshälfte ausreichend Informationen gesammelt, Erfahrungen mit sich und der Welt gemacht, damit Sie jetzt einen kluge Entscheidung treffen können. Nehmen Sie sich dafür Zeit und überstürzen Sie nichts. Sie müssen jetzt nicht zum Harleyfahrer, Einsiedler oder Aussteiger auf einer einsamen Pazifikinsel werden. Sie brauchen auch nicht Ihre Familie wegen einer 20-Jährigen verlassen oder Ihren Job hinwerfen. Die Midlife Crisis ist kein Problem der Umwelt. Sie kommt aus Ihnen selbst und vor sich selbst können Sie schlecht weglaufen. Kurzschlusshandlungen wie „Aussteigen“ oder Trennung vom Partner bringen wenig. Ein sanfter, aber konsequenter, evolutionärer Ansatz ist nicht nur „vernünftiger“ sondern langfristig auch wesentlich wirkungsvoller. Wie für alle Fragen, die sich Ihnen im Leben stellen, liegen die Antworten ebenfalls schon in Ihnen.

Am Besten gehen Sie mit dieser Übergangszeit um, indem Sie

  • akzeptieren, wo Sie jetzt im Leben stehen
  • sich darüber klar werden, wohin Sie wollen
  • Ihre Ziele konsequent verfolgen

Mehr dazu lesen Sie in “Ziele & Zukunft”.

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7 Kommentare zu “Der Sinn der Midlife Crisis”

  1. Götz

    Ja,
    Es fehlt mir eine andere Seite.
    auch das Scheitern oder nicht-Erfolg z.b. in der Selbstständigkeit – kann der Auslöser sein.

  2. Siegfried Trebuch

    Ganz Deiner Meinung.

  3. Miranda

    Midlife Crisis- ich denke das man sich fragt, war es das? Was war und ist noch der Sinn des Lebens? Was ist noch drin in dem Topf, wenn man weiß das sich auf kurz oder lang der Deckel schließt.
    Ich glaube, man will es nochmal wissen, kommt man immer noch gut an bei dem anderen Geschlecht (oder dem gleichen). Und die wichtigste aller Fragen die man hat – kommt man jünger und atraktiv rüber? Ich denke das dies in erster Linie Fragen sind, die sich in der Midlife Crisis stellen. Bei den meisten denke ich! Die Frage nach dem Erfolg in der Arbeit, die Anerkennung und das Gebraucht werden ist ebenso wichtig für denjenigen der in dieser Krise steckt.
    Ich glaube auch das eben in dem “Zwang” aussteigen zu müssen, sei es sich einem jüngeren Partner zu zuwenden oder dem Gefühl sich anderweitig zu verändern der Versuch zu Grunde liegt, sich wieder der Leichtigkeit hinzugeben, die eigentlich unwiderruflich vorbei ist.Die Krise mitten im Leben ist ein Versuch zurück zu holen was man glaubt versäumt zu haben.
    LG Miranda

  4. Götz

    Ach nee??? “Man” macht das so.?Das ist so ?
    …”leichtigkeit ist eigetnlich unwiderruflich vorbei …? usw, usw.
    Zwei Dinge …
    1.) Ich erfahre, wie ich zugedeckt habe und zudecke , was mir gegeben ist.
    Leichtigkeit und Geheimnis des Lebens. Verbockt mit 1.000 Programmen
    ttituliert mit 1.000 den Begriffen oder Inhalten..esoterisch, spiriutell,gesellsch
    achtlich , unternehmerisch und so fort.
    Gehe ich wirklich tief, ist es der Wunsch nach Ursprünglichkeit , Freiheit
    Spotaneität..Das KANN bedeuten alles zu verändern und es kann
    heißen da zu bleiben, wo ich bin..
    Wenn das der Sinn der Midlife crisis ist , so sollte diese sehr oft
    auftauchen und wenn das dann in der sog, mitte des Lebens ist, so ist es
    wieder mal eine Chance , wieder !! eine Gelegenheit ,,,
    Das Besondere daran ist der druck und die Last , die ich angehäuft habe.
    An dem ich festhalte oder ” jetzt aber nochmal “”die letzte gelegneheit usw.
    Alles diese Scheiße , der ich begegne.. summiert unter dem Begriff
    Erfahrung als Quantitätsbegriff (Jahre, Alter) –
    MANN kann uch dreißig oder mehr Jahre immer in demselben Pfad laufen..
    -ist das Erfahrung ? -

    Schluß jetzt :
    Midlifecrisis heißt nichts anderes als wieder mal
    “aufwachen ” um “endlich” zu begriefen , daß
    (vielleicht) nie gelebt habe.

    Das kann mit 60 , 60 oder 90 passieren …. und dann , dann beginnt leben und Wachstum, wie es “echt” ist…
    Zu wachsen hat nicht “unbedingt” was mit Alter – eigentnlich gar nichts damit -
    zu tun. Das ist kein linearer Prozeß ..
    also beginnen wir nochmal am Anfang oder mittendrin …..

    2.)
    Der “Versuch” – den gibt es nicht – etwas zurückzuholen …. das
    geht nicht , weil das, was mal als leichtigkeit da war, höchtens eine
    dünner Decke zur Urspünglichkeit war, weil ich noch nicht soviel Mist als Last der “erfahrung” angehäuft habe..Wenn das der auslöser ist . dann los und ab in die Tiefe… auf zu neunen Ufern …

    Danke für die Anregung, durch das lesen..Hoffentlich ist das nicht zu lang hier..egal.. raus shwupp und weg

  5. Miranda

    Hallo Götz,
    Dem Begriff der Midlife Crisis liegt die Annahme zugrunde, dass die meisten Menschen ihr Dasein nach einem Lebenssinn ausrichten. Bei aller individueller Unterschiedlichkeit werden die Chancen zur Verwirklichung des eigenen Lebensziels in der Lebensmitte häufig reflektiert, was zu Verstimmungen und Unsicherheiten auch hinsichtlich der eigenen Identität (Rolle in Familie, Beruf, Sozialleben etc.) im Sinne des Begriffs führen kann. Spezifischere Ursachen sind weder im biologischen noch im psychosozialen Bereich genau definiert. Als mögliche Ursache einer Midlife Crisis kann aber auch der nun deutlich wahrnehmbare körperliche Alterungsprozess in Frage kommen. Was ich damit sagen will ist, niemand muß “aufwachen”, es ist der Lauf der Zeit wenn sich viele Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen.
    liebe Grüße
    Miranda

  6. Götz

    hallo miranda
    Stimme dir zu.Nur gefällt mir das nicht so..Möchte jedoch antworten: Ich habe immer gekämpft mit dem überleben , mal erfolgreich, mal nicht , mal mit spaß und oft “einfach weitergemacht”.. nun stecke ich wieder in der Karre und erwische mich, wie ich dasselbe lange spiel spielen will (muß? im sinne von Programm..) Das gefällt mir nicht mehr,,Getrieben von der angst nicht zu überleben und sicherheit … ok MANN wird älter … aber all diese Er-Klärungen wecken tiefes Unbehagen…Ich kann nicht umhin zu sagen .. ich schlafe schon lange .. das kann ich nur sagen, weil ich schon immer eine -ahnung hatte und zweimal im Leben erfahren durfte , was es heißt DA zu SEIN.
    liebe Grüße götz und an alle die das lesen: Auf zu neuen Ufern – nichts bleibt – auch nicht der Tod.

  7. Uli

    Wu Wei! – Tun durch Nicht-Tun; vielleicht ist unser ewiges “Müssen” das Problem?

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Siegfried Trebuch